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	<title>Fakten-Archiv - Matthias Körnich – Medien, Haltung, Storytelling</title>
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	<description>Gedanken zu Medien, Gedanken zu Medien, Führung und Storytelling. Leiter Kinder &#38; Familie, WDR.</description>
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		<title>Baum und Tisch &#8211; Was KI nicht herausfinden kann</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Matthias Körnich]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 19:41:54 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Baum und Tisch Wenn wir für die Maus eine Sachgeschichte über einen Tisch erzählen, handelt sie nicht vom Tisch. Sie erzählt den Weg vom Baum zum Tisch. Kinder fragen selten, was etwas ist. Sie fragen, wie es gemacht wird und wie es funktioniert. Neugierig macht der Prozess, nicht das Ergebnis. Und mit ihm wird eine [&#8230;]</p>
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<h3 class="wp-block-heading">Baum und Tisch</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir für die Maus eine Sachgeschichte über einen Tisch erzählen, handelt sie nicht vom Tisch. Sie erzählt den Weg vom Baum zum Tisch. Kinder fragen selten, was etwas ist. Sie fragen, wie es gemacht wird und wie es funktioniert. Neugierig macht der Prozess, nicht das Ergebnis. Und mit ihm wird eine Methode mitvermittelt: nachsehen, ausprobieren, prüfen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Frage</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Mit KI entstehen heute Bilder, Musikstücke und Filme auf Knopfdruck. Die öffentliche Debatte dreht sich dabei um bestimmte Fragen. Es geht um Verlust: Verlust der Autorschaft, der Kontrolle, der Wertschöpfung. Wenn die Produktion von Werken derart beschleunigt wird und an einem gewissen Punkt auch unkontrollierbar stattfindet, ist meine Frage eine andere:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was genau lesen wir mit, wenn wir ein Werk sehen? Und was geschieht damit, wenn der Aufwand, etwas herzustellen, gegen null geht?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Nicht Mühe, sondern Entscheidung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Aspekt wird häufig übersehen. Wir setzen das fertige Werk absolut. Wir betrachten Kunstwerke als fertige Objekte. Tatsächlich lesen wir dabei immer auch den Weg mit. Wenn wir einen Film sehen, ein Gemälde betrachten oder ein Musikstück hören, erleben wir unbewusst: Entscheidungen, Irrtümer, Widerstände, Zuspitzungen. Nicht der Aufwand wird mitgelesen, sondern das Urteil.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir lieben Making-ofs, Werkstätten, Ateliers und Probenräume. Aktuell sieht man das bei Christopher Nolans „The Odyssey&#8220;. Die Entstehungsgeschichte hat mich weitaus mehr interessiert als der Film selbst, der mich eher gelangweilt hat. Das analoge Abtasten eines 70-mm-Filmstreifens, die Exegesen des Originaltextes in den sozialen Netzwerken, selbst die ironischen Kommentierungen: In all dem wurden Entscheidungen sichtbar. Im Film selbst waren sie es nicht mehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir interessieren uns offenbar sehr für das Werden, nicht nur für das Sein. Der Prozess ist im Werk gespeichert. Kunst ist geronnene Zeit.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Was Technik wirklich verändert</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Dass Technik etablierte Kunstformen vorübergehend in Frage stellt, gab es immer wieder. Ein Beispiel ist die Fotografie. Nach ihrer Veröffentlichung 1839 verbreitete sie sich binnen Monaten über die Welt und verdrängte in der Porträtdarstellung sehr schnell die gemalte Miniatur. Innerhalb weniger Jahre schien die Porträtmalerei überflüssig geworden zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verschwunden ist sie nicht. Sie musste die Frage neu beantworten, was nur sie kann. Was sich änderte, war ihre Funktion. Die Kamera übernahm die Dokumentation. Die Malerei suchte nach Interpretation, Perspektive und Ausdruck — nach dem, was mit der Kamera nicht umzusetzen war. Der technische Fortschritt vernichtete die Kunstform nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Umgekehrt muss sich neue Technik in ihrer Besonderheit beweisen, um künstlerisch relevant zu werden. Der Boom des Synthesizers und des Samplings fiel in die achtziger Jahre. Viele Produktionen klangen neu, spektakulär, anders als alles Gewohnte. Mit Abstand wirken sie wie präzise Zeitkapseln. Nicht unbedingt, weil sie schlecht waren, sondern weil sie nach Technologie klingen. Der Mensch verschwand in der Faszination für das Neue. Die Sounds der unterschiedlichsten Künstlerinnen und Künstler ähnelten sich. Man hört den DX7. Man hört den Fairlight. Man hört die Presets. Die Neuheit war die Botschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei Kate Bush ist es anders. Sie nutzte dieselben Werkzeuge, teilweise früher und radikaler als andere. Trotzdem wirkt vieles bis heute zeitlos und unverwechselbar. Der Grund: Ihre Musik handelt nicht vom Fairlight. Der Fairlight diente ihr. Ihre Geschichten handeln von Sehnsucht, Angst, Erinnerung, Liebe und Fantasie. Die Vision stand vor der Technik.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andy Warhol und die Pop Art nutzten kommerzielle Reproduktionsverfahren und Motive aus Werbung und Boulevardpresse — und setzten sie gegen ihre Bestimmung ein. Der Siebdruck, ein Verfahren der Warenwerbung, trug die Porträts von Marilyn Monroe und Elvis Presley. Bei den Suppendosen war es das Motiv. Warhol beschäftigte sich mit Oberflächen, aber nicht oberflächlich. Es ging um Reproduzierbarkeit, Konsum, Massenkultur. Die Oberfläche war nicht das Ende der Bedeutung. Sie war ihr Träger.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Technik wird als Technik unsichtbar. Die Haltung bleibt. Sie legt sich wie ein Filter über das Werkzeug.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Einwand</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt einen Einwand, den ich teile. Auch menschliches Schaffen greift auf Vorbilder und Traditionen zurück. Nichts in der Kunst entsteht ohne kulturellen Kontext. Wer das ernst nimmt, sieht darin keinen Verlust, sondern die Möglichkeit, die Illusion künstlerischer Autonomie zu durchschauen — der Unterschied zur Maschine wäre dann gradueller Natur, nicht prinzipieller. Mit der Behauptung von Originalität ist dagegen nichts auszurichten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man braucht sie auch nicht. Denn das entscheidende Kriterium ist nicht der Ursprung, sondern die Zurechenbarkeit. Es geht nicht darum, ob eine Auswahl unabhängig entstanden ist. Es geht darum, dass jemand für sie geradesteht — mit einer Biografie, mit einem nächsten Werk, mit etwas zu verlieren. Haltung ist überprüfbar, weil sie sich über mehrere Arbeiten hinweg zeigt oder eben nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und sie zeigt sich im Verwerfen. Die geronnene Zeit, die im Werk spürbar wird, ist nicht die aufgewendete. Es ist die Zeit, die jemand gebraucht hat, um zu wissen, was er nicht will.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Blumenuhr</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Zurück zur Maus. Die Geschichten der Maus erzählen vom Werden. Sie sind dokumentarisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Armin Maiwald wollte wissen, ob Linnés Blumenuhr funktioniert. Sie stellt in Tabellen dar, zu welcher Tageszeit welche Blumen ihre Blüten öffnen und schließen. In einer gefilmten Recherche baut er die Uhr mit echten Pflanzen nach. Sie funktioniert nicht. Ein zweiter Versuch, ein dritter Versuch, drei Sommer — kein einziges Mal gelingt es. Linné entwickelte das Modell an der Universität Uppsala. Maiwald schrieb den Fachbereich dort an. Die Antwort: Man habe es selbst versucht, es sei auch dort gescheitert, und man wisse nicht, woran es liegt. Das Scheitern wurde gesendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Modell hätte die Blumenuhr funktionieren lassen. Die Tabelle steht in jeder Quelle, sauber und plausibel. Wäre der Film mit KI entstanden, wäre das Erwartbare herausgekommen — und damit das Falsche. Dass es nicht funktioniert, war nicht auffindbar. Es war nur beobachtbar.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Schluss</h3>



<p class="wp-block-paragraph">KI kann darstellen, was jemand herausgefunden hat. Sie kann das Herausfinden nicht ersetzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der gefährliche Moment ist der, in dem generiertes Material eine Recherche ersetzt, statt sie zu zeigen.</p>
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