Matthias Körnich
Medienkompetenz meist vernachlässigt, erlebt gerade einen richtigen Boom. Im neuen Medienänderungsstaatsvertrag, in Pädagogikkonferenzen, in Elternabenden: überall soll sie gestärkt werden. Kinder sollen Desinformation erkennen, Daten schützen, Plattformen reflektiert nutzen. Das klingt vernünftig. Es greift aber zu kurz und was bedeutet Neugier statt Medienkompetenz.
Medien sind kein Werkzeug – sie sind eine Umgebung
Der Begriff Medienkompetenz setzt voraus, dass Medien ein abgrenzbares Kompetenzfeld sind – wie Rechnen oder Lesen. Tatsächlich sind Medien heute keine Werkzeuge mehr, die man erlernt.
Sie sind eine Umgebung, in der Kinder leben. Von Geburt an.
Kinder unter zehn Jahren verbringen mehr Zeit mit digitalen Medien als in strukturierten Bildungssituationen. Sie sind keine Lernenden gegenüber Medien. Sie sind Einheimische in einer Welt, in der Erwachsene noch immer Einwanderer sind.
Medienkompetenz als Lernziel behandelt Kinder als Defizitträger, die auf den richtigen Umgang mit ihrer eigenen Umgebung vorbereitet werden müssen. Das ist pädagogisch vertraut – und empirisch fragwürdig.
Schutz als Grundlogik macht Kinder nicht stark – aber Neugier
Die aktuelle Medienkompetenz-Debatte folgt einem bestimmten Muster: Wir erklären Kindern, was gut und was schlecht ist. Wir schützen sie vor Risiken. Wir sind der sichere Anker in einer unsicheren Welt.
Die Entwicklungspsychologie ist hier eindeutig:
Kinder, die primär auf Risikovermeidung konditioniert werden, entwickeln eine geringere Risikobereitschaft – auch dort, wo Risikobereitschaft lernnotwendig ist. Sie werden vorsichtiger, aber nicht klüger. Begleitet, aber nicht befähigt.
Für Medienbildung bedeutet das: Kinder, die vor allem lernen, was sie nicht tun sollen, lernen nicht, wie sie mit Unsicherheit, Widerspruch und Komplexität umgehen. Genau das aber ist die Kernkompetenz des 21. Jahrhunderts.
„Neugier ist keine Vorstufe zur Medienkompetenz. Neugier ist Medienkompetenz – in ihrer wirksamsten Form.“
Was die Sendung mit der Maus seit 1971 richtig macht – Es geht darum neugierig sein!
Die Sendung mit der Maus hat seit ihrer Gründung etwas getan, das damals radikal war und heute noch selten ist: Sie behandelt Kinder nicht als Empfänger von Botschaften, sondern als Menschen mit genuiner Neugier.
Das Gründungsprinzip war nicht pädagogisch, sondern empirisch: Was schauen Kinder wirklich? Was hält ihre Aufmerksamkeit? Was wollen sie verstehen? Daraus wurde eine Haltung, die für uns bis heute gilt.
Das erklärt, warum die Sendung fünf Jahrzehnte überdauert hat. Nicht weil sie Traditionen gepflegt hat. Sondern weil ihre Methode zeitlos ist: Realität vor Konzept und Neugier vor Lehrplan.
Die Gefahr der Pädagogisierung
Wenn Kindermedien primär pädagogisch legitimiert werden, passiert etwas Schleichendes: Die Inhalte gehören nicht mehr den Kindern. Eine Sachgeschichte über Brücken ist dann nicht mehr interessant, weil Brücken interessant sind – sondern weil man dabei etwas über Statik lernt. Eine Geschichte über Freundschaft vermittelt nicht Freundschaft, sondern es soll soziale Kompetenz vermittelt werden.
Kinder spüren das. Sie spüren ob ein Angebot sie ernst nimmt, oder sie formen will. Und sie reagieren entsprechend – mit Desinteresse, mit Ablehnung, mit der Suche nach Alternativen, die YouTube und TikTok bereitstellen.
Die eigentliche Medienkompetenz-Frage lautet deshalb nicht: „Wie schützen wir Kinder vor schlechten Medien?“ Sondern:
„Warum sind gute Medien für Kinder so wenig attraktiv – und was sagt das über unseren Begriff von ‘gut’?“
Öffentlich-rechtliche Medien können etwas, das Algorithmen nicht können
Öffentlich-rechtliche Kindermedien haben eine einzigartige Möglichkeit: Sie können Inhalte produzieren, die nicht auf maximale Aufmerksamkeit optimiert sind, sondern auf genuine Qualität. Journalistische Sorgfalt. Inhaltliche Tiefe. Ästhetische Entscheidungen, die Kindern etwas zutrauen.
Kinder in Deutschland 2026 leben in vielgestaltigen Realitäten: Patchwork-Familien, Migrationserfahrungen, ökonomische Unsicherheit, Klimaangst, Identitätssuche.
Ein Kinderprogramm, das diese Realitäten nicht spiegelt, spricht nicht Kinder an – es spricht ein Bild von Kindheit an, das es nicht mehr gibt.
Vom Schutz zur Befähigung – auch in Medienkompetenz
Medienkompetenz und Neugier sind keine Gegensätze. Sie werden es nur dann, wenn Medienkompetenz als Schutzkonzept verstanden wird – und nicht als Beschreibung einer Haltung gegenüber der Welt.
Ein Kind, das neugierig ist, fragt von selbst, wer etwas behauptet und warum. Es sucht nach Widersprüchen. Es vergleicht. Es zweifelt. Es tut all das, was Medienkompetenz als Lernziel anstrebt – aber aus innerer Motivation, nicht wegen eines Unterrichtsziels.
Die Sendung mit der Maus hat das 1971 so gemacht. Die Frage für 2026 ist, ob wir den Mut haben, es wieder so zu machen.
Neugier ist keine Vorstufe zur Bildung. Sie ist ihr Kern.
Matthias Körnich
Leiter Programmgruppe Kinder & Familie, WDR




