Die Debatte über Medienbildung überschätzt regelmäßig die Macht der Medien – und unterschätzt die Macht sozialer Ungleichheit.
Ende Juli hat die Universität Tübingen gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN, Kiel) eine Studie vorgestellt, die im Journal of Educational Psychology erschienen ist. Untersucht wurde, wie sich die Vorstellungen von Jugendlichen über generative KI im Laufe der Zeit entwickeln: Werden sie durch die alltägliche Nutzung realistischer? Befragt wurde dieselbe Gruppe zweimal, 2023 und 2024.
Nur eine Minderheit hielt generative KI tatsächlich für allwissend – 2023 waren es rund 13 Prozent. Entscheidend ist, was mit dieser Minderheit geschieht: Wer diese Vorstellung einmal hat, korrigiert sie nur selten von selbst. Und wenn, dann sind es vor allem diejenigen, die in kognitiven Tests besonders gut abschneiden. Rund jeder dritte Jugendliche schrieb der KI zudem mehr Wissen zu als den eigenen Lehrkräften. Die Forschenden nennen als Konsequenz nicht bessere Tools, sondern Unterricht: „Fehlvorstellungen über generative KI“, so Ann-Kathrin Jaggy vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung, „müssen im Unterricht gezielt sichtbar gemacht und aktiv bearbeitet werden.“
Wichtig ist die Forschungsgrundlage: Befragt wurden rund 870 Schülerinnen und Schüler der sechsten bis achten Klasse – und zwar solche, die im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich als besonders begabt gelten. Der Befund stammt also nicht aus einem Querschnitt der Gesellschaft, sondern aus deren Spitzengruppe. Innerhalb dieser ohnehin privilegierten Gruppe zeigt sich bereits ein Unterschied. Was das für alle anderen bedeutet, ist offen – aber vermutlich nicht beruhigend.
Nicht neu – aber anders
Etwas verkürzt ließe sich ableiten: Wenn ich schlau bin, macht KI mich schlauer. Wenn nicht, eher das Gegenteil.
Die Erkenntnis, die dahinter liegt, ist so alt wie die „Sendung mit der Maus“ und führt zurück in die 70er Jahre. 1970 veröffentlichten Philip J. Tichenor, George A. Donohue und Clarice N. Olien den Aufsatz „Mass Media Flow and Differential Growth in Knowledge“. Ihre These: Wenn über Massenmedien mehr Informationen in ein soziales System fließen, profitieren Menschen mit höherer Bildung stärker als Menschen mit niedrigerer. Die Wissenskluft wächst, statt sich zu schließen.
Die These wurde vielfach bestätigt. Menschen mit höherer Bildung nutzen Informationsangebote gezielter, können Neues leichter an Vorhandenes anschließen, verfügen über stabilere Netzwerke und tauschen sich mehr über Inhalte aus. Trotzdem hoffte man in den Neunzigern, das Internet werde Wissen demokratisieren. Aber die Unterschiede blieben. Von den neuen Möglichkeiten haben weiterhin diejenigen profitiert, die Informationen finden, bewerten und nutzen konnten. Und wir sehen gerade sehr genau, wie dramatisch sich das auf die Diskurse in Social Media auswirkt.
Deshalb wurde die ursprüngliche Wissenskluft-These ausdifferenziert:
- Zugangskluft – Wer hat überhaupt Geräte und Netz?
- Nutzungskluft – Wer nutzt Medien aktiv und vielfältig?
- Kompetenzkluft – Wer kann Inhalte bewerten, Quellen prüfen, daraus Wissen erzeugen?
- Partizipationskluft – Wer kann mit Informationen gesellschaftlich, politisch, beruflich etwas anfangen?
Die Tübinger Studie fügt dieser Reihe kein neues Kapitel hinzu. Sie schreibt das alte fort. Fernsehen, Internet, Social Media, KI – jedes Mal derselbe Mechanismus.
Was an KI trotzdem anders sein könnte
Es gibt allerdings eine Frage, die sich bei früheren Medien so nicht stellte. Könnte KI fehlende kulturelle und bildungsbezogene Ressourcen wenigstens teilweise ausgleichen?
Denn anders als ein Buch, eine Sendung oder eine Suchmaschine ist ein Sprachmodell ansprechbar. Ich kann sagen: Erklär es einfacher. Frag mich ab. Gib mir ein Beispiel. Ist das wirklich belegt? Das sind genau jene Operationen, die bildungsnahe Elternhäuser beiläufig mitliefern und die anderswo fehlen.
Die Betonung liegt auf könnte. Denn diese Fragen zu stellen, setzt bereits voraus, was sie erzeugen sollen: die Vermutung, dass eine Antwort auch falsch sein könnte. Wer eine Maschine für allwissend hält, fragt nicht nach. Der dialogische Vorteil fällt damit erneut denen zu, die ihn am wenigsten brauchen – es sei denn, jemand bringt das Nachfragen aktiv bei.
Was das für Kinderangebote heißt
Deshalb landet die Frage ganz klar auch bei unseren Angeboten. Kompetenz und Partizipation sind die entscheidenden Hebel. Selbst wenn zwei Kinder dieselbe Sendung sehen, entsteht nicht derselbe Bildungseffekt. Wenn die Wissenskluft real ist, genügt es nicht, Inhalte bereitzustellen. Man muss sie so bauen und so distribuieren, dass sie die weniger privilegierten Kinder tatsächlich erreichen – und aktivieren.
An anderer Stelle habe ich dafür plädiert, Neugier statt Medienkompetenz in den Mittelpunkt zu stellen. Was hier hinzukommt, ist die unbequemere Hälfte des Gedankens: Auch Neugier ist nicht gleich verteilt. Sie wird zu Hause gestiftet – oder eben nicht.
Und genügt es künftig, „nur“ gute Inhalte anzubieten? Oder muss die Maus stärker zu etwas werden, das Kindern hilft, selbst Fragen zu stellen, Zusammenhänge herzustellen und die eigenen Fehlvorstellungen zu prüfen? In gewisser Weise also das, was sie auf der Angebotsseite längst leistet – nur dialogischer, interaktiver. Ansätze wie unsere Programmierlernangebote von Elefant und Maus, die Begleitangebote, die App gehen bereits in diese Richtung. KI ist noch einmal eine ganz andere Herausforderung.
Das Muster kennen wir
Spätestens nach Erfurt 2002 lautete der Kurzschluss: Wer Ego-Shooter spielt, wird gewalttätig, womöglich zum Amokläufer. Die Rolle des sozialen Umfelds, der individuellen Lage, der gesellschaftlichen Stimmung wurde dabei gern übersehen.
Die vermeintliche Demokratisierung des Bildes durch die Fotografie, der Musik durch das Sampling, des Wissens durch das Internet: Keine davon hat das Problem der Qualität ihrer Nutzung gelöst.
In jeder Epoche vermuten wir die Ursache zuerst im neuen Medium. Später stellen wir fest, dass das Medium meist nur die Bühne war, auf der sich längst bestehende Unterschiede zeigen.
Medienbildung ist deshalb ein wichtiger Baustein – aber sie ist eine Angebotsantwort auf ein Strukturproblem. Kompetenz ist ungleich verteilt, und neue Technologien machen das jedes Mal aufs Neue sichtbar. Schaut man genauer hin, wird noch etwas anderes sichtbar: Soziale Ungleichheit führt zu Bildungsungleichheit. Das Milieu entscheidet mit darüber, wie souverän ich mit neuer Technologie umgehe. Und wo die sozialen Voraussetzungen fehlen, verstärkt sich die Ungleichheit weiter.
Dieses Problem löst Medienbildung nicht allein. Es geht um finanzielle Ressourcen, um Schule, um Spracherwerb, um Integrationsfragen, die längst nicht mehr nur Migrantinnen und Migranten betreffen. Also um genau die Bereiche, die derzeit unter Sparzwang stehen.
Warum?
Bei der „Sendung mit der Maus“ und unseren übrigen Angeboten versuchen wir, deutlich über Fakten hinauszugehen: Wie stelle ich eine Frage? Wie gehe ich einem Phänomen nach? Wie überprüfe ich eine Erklärung? Wie halte ich Unsicherheit aus? Wir wollen Neugier auf ein Thema erzeugen.
Der Zweifel ist das eigentlich Vermittelnswerte – und die Neugier der einzige Weg dorthin. Damit wären wir wieder bei der Urkinderfrage: Warum?
Das ist, im besten Fall, Erkenntnisbildung.




